15 Köpfe, 15 Strategien: Wie ein Bild Führungsteams ausrichtet
- Gianni Fabiano
- 24. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Es gibt einen Satz, den ich in Strategie-Offsites immer wieder höre. Meist am zweiten Tag, nach dem Mittagessen, wenn die Energie kippt: „Wir reden seit anderthalb Tagen – aber haben wir eigentlich entschieden?"
Stille. Dann schauen sich fünfzehn Führungskräfte an. Und langsam wird allen klar: Jeder hat die letzten anderthalb Tage zwar dasselbe gehört, aber etwas anderes verstanden.
Das ist kein Versagen dieser Teams. Im Gegenteil – es sind oft die klügsten Köpfe der Organisation. Genau das ist das Problem.
Je mehr kluge Köpfe, desto mehr Strategien
Eine Strategie ist ihrem Wesen nach abstrakt. „Wir setzen auf Differenzierung." „Wir werden kundenzentrierter." „Wir bauen ein zweites Standbein auf." Solche Sätze klingen klar – und sind es überhaupt nicht.
Denn jede Führungskraft übersetzt sie sofort in ihre eigene Welt. Die Finanzchefin hört Margen. Der Vertriebsleiter hört neue Märkte. Die HR-Verantwortliche hört Kulturwandel. Der CTO hört Plattform-Investitionen. Alle nicken zur selben Strategie – und meinen fünfzehn verschiedene Dinge.
Das fällt im Workshop nicht auf, weil Sprache diese Unterschiede gnädig verdeckt. Es fällt erst auf, wenn die Strategie auf die Realität trifft: in der Budgetrunde, bei der Priorisierung, im ersten echten Zielkonflikt. Dann steht plötzlich nicht eine Strategie im Raum, sondern fünfzehn – und sie widersprechen sich.
Ein Bild lässt sich nicht überall hin interpretieren
Hier liegt die unterschätzte Kraft einer Visualisierung. Ein Bild kann nicht so beliebig ausgelegt werden wie ein Satz.
Wenn ich die Strategie eines Führungsteams live an die Wand bringe, passiert etwas, das mit Worten allein nie gelingt: Die Abstraktion wird konkret. Die „Differenzierung" bekommt eine Form, eine Richtung, eine Position im Verhältnis zu allem anderen. Und in dem Moment, in dem das sichtbar wird, zeigt sich sofort, wo das Team wirklich einig ist – und wo nur die Worte einig waren.
Ich erlebe das in fast jeder Sitzung: Kaum hängt der erste Entwurf an der Wand, sagt jemand „Moment, so stimmt das nicht ganz" – und es beginnt eine Diskussion, die vorher nie stattgefunden hätte. Das ist kein Rückschritt. Das ist der eigentliche Strategieprozess. Das Bild zwingt das Team, sich auf eine gemeinsame Darstellung zu einigen. Und eine gemeinsame Darstellung ist eine gemeinsame Entscheidung.
Vom Diskussionsraum zur gemeinsamen Referenz
Der zweite Effekt zeigt sich erst nach dem Offsite.
Eine Strategiepräsentation mit vierzig Folien liest nach dem Workshop niemand mehr. Sie ist vollständig, korrekt – und tot. Ein einziges, durchdachtes Strategiebild dagegen lebt weiter. Es hängt im Sitzungszimmer der Geschäftsleitung. Es wird zum Bezugspunkt, wenn Entscheidungen anstehen: „Zahlt dieses Projekt auf unser Bild ein – oder nicht?"
Genau das ist der Unterschied zwischen einer Strategie, die dokumentiert wurde, und einer, die ausrichtet. Die erste liegt im Ordner. Die zweite hängt an der Wand und wirkt jeden Tag.
Ein gutes Strategiebild ist deshalb kein hübsches Nachprotokoll. Es ist das Werkzeug, mit dem aus fünfzehn Strategien wieder eine wird – und eine bleibt.
Was du in deinem nächsten Offsite ausprobieren kannst
Auch hier braucht es mich nicht zwingend. Der Test ist einfach:
Bevor ihr das Offsite beendet, bitte jedes Mitglied des Führungsteams, die beschlossene Strategie in einem Satz und einer kleinen Skizze festzuhalten – jeder für sich, ohne Absprache. Dann legt ihr alle nebeneinander.
Wenn die Bilder ähnlich aussehen, seid ihr wirklich ausgerichtet. Wenn nicht – und das ist der häufigere Fall – habt ihr gerade die wichtigste Diskussion entdeckt, die ihr noch führen müsst.
Und wenn die Strategie zu komplex und der Einsatz zu hoch ist, um das fünfzehn Einzelskizzen zu überlassen, dann ist das der Moment, in dem ich ins Spiel komme. Ich mache das Denken eines Führungsteams sichtbar – damit am Ende nicht fünfzehn Strategien im Raum stehen, sondern eine, hinter der alle stehen.
Denn eine Strategie ist erst dann beschlossen, wenn alle dasselbe Bild davon haben.
Gianni Fabiano begleitet als Graphic Recorder und Transformations-Begleiter Führungsteams dabei, Strategien sichtbar zu machen und auszurichten. → Lass uns reden



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